Insekten und andere Wirbellose

Insekten umgeben uns in größerer Zahl als alle anderen Tiere. Dennoch wird ihnen – selbst innerhalb der Tierrechtsbewegung – erstaunlich wenig Aufmerksamkeit zuteil, zumindest, soweit es um Aufmerksamkeit im positiven Sinne geht. Ihre Missachtung und Tötung ist in der Landwirtschaft, in Versuchslaboren und im Alltag der meisten Menschen gleichermaßen präsent. Tatsächlich sind sie uns fremder als andere Säugetiere oder selbst die meisten anderen Wirbeltiere. Und das nicht nur wegen der Zahl ihrer Beine. Ihr großer Nachteil besteht unter anderem darin, dass wir ihnen nie in die Augen sehen und eine Reaktion erhalten – die Kommunikation scheitert, die Tiere bleiben Fremde. Aber legitimiert ihre Fremdartigkeit ihre Tötung? Allein der Gedanke sollte uns Unbehagen bereiten, ist die Abwertung des Fremden doch die Wurzel allen auf Diskriminierung beruhenden Übels.

Mindere Lebensformen?

Wir betrachten Wirbellose gern als unglaublich simple Wesen, die vielleicht tatsächlich einfach genau die seelenlosen Maschinen sein könnten, als die Descartes einmal alle Tiere beschrieb. Dabei verkennen wir, zu welch beachtlichen Dingen diese Tiere in der Lage sind – von der Mimese der Stabschrecken bis zu den Schwänzeltänzen der Bienen, mit denen diese ihren Artgenossen bemerkenswert genau von neuen Entdeckungen berichten können. All diese Fähigkeiten sollten zwar nicht den Wert des Lebens dieser Tiere bemessen, doch das sollte ein fehlendes zentrales Nervensystem ebenso wenig. Zwar mag es zutreffen, dass das andersgeartete Nervensystem es mit sich bringt, dass diese Tiere Schmerz nicht so fühlen, wie wir es tun – wenngleich es selbst dazu entgegengesetzte Hinweise aus der Wissenschaft gibt.(1) Aber warum sollte das Recht zu Leben überhaupt an die Wahrnehmung von Schmerzen gekoppelt sein? Hat ein Mensch, dem das Schmerzempfinden genommen wird, weniger Recht, zu leben? Oder haben nicht all diese Wesen um ihrer Selbst willen dasselbe Lebensrecht? Man mag einwenden, dass staatenbildende Insekten weniger für sich als für die Gemeinschaft ihres Volkes zu leben scheinen. Allerdings sind allein unter den vermeintlich staatenbildenden Bienen in Wahrheit 95% der Arten solitär lebend und einige Arten sogar Zwischenformen zuzuordnen – weder gänzlich solitär, noch gänzlich staatenbildend. Hier also eine völlig andere Lebensform zu vermuten, deren moralischer Wert sich nur durch ihren Teil an der Gemeinschaft bestimmt, funktioniert nicht. Davon abgesehen ist es ohnehin grundsätzlich fragwürdig, Lebewesen einen moralischen Wert maßgeblich nach ihrer Leistung beizumessen – und sei es die, welche sie innerhalb ihrer Spezies erbringen. In den meisten Fällen freilich wird vielmehr der Nutzen für den Menschen herangezogen und die Spezies als Nützling oder Schädling kategorisiert. Wenn wir über eine solche egoistische Perspektive nicht hinauskommen, muss jedoch die Frage erlaubt sein, ob wir nicht die minderen Lebensformen gegenüber als staatenbildend kategorisierten Insekten sind, die offenkundig derart selbstlos handeln Natürlich ist das eine rhetorische Frage, da wir die Höher- und Minder-Wertung von Spezies per se ablehnen. Und wahrscheinlich sind uns die vermeintlich Fremden in Wahrheit noch um einiges ähnlicher, als wir denken. Die Forschung an diesen Tieren liefert immer wieder Hinweise auf unterschiedliche Persönlichkeiten bei den verschiedenen Individuen.(2) Nicht erst daraus ergibt sich natürlich auch die Frage, womit wir es eigentlich rechtfertigen, an diesen Wesen zu forschen als seien es Dinge.

Ausbeutung von Wirbellosen

Die Ausbeutung wirbelloser Tiere geschieht vielleicht noch unsichtbarer als die von Wirbeltieren. Die Zucht und Tötung von Raupen für Seide ist weitgehend unbekannt, der Zusammenhang zwischen dem Sterben der Bienen und ihrer Hochzüchtung wird gemeinhin unterschlagen und zerkleinerte Läuse als Zutat in Lebensmitteln oder Farbe werden hinter E-Nummern versteckt oder gar nicht erst angegeben. Auch sogenannte Zoohandlungen verdienen am Handel mit Wirbellosen, wenn sie diese als Futtermittel für Reptilien oder größere Wirbellose verkaufen. Besonders markant ist die Ausnutzung ihres gesellschaftlich herabgesetzten Stellenwertes aber in der tierexperimentellen Forschung: Tierversuche an wirbellosen Tieren müssen nicht einmal genehmigt werden.

Willkürliche und fahrlässige Tötung

Die Grausamkeiten, die wirbellosen Tieren von Wissenschaft und Lebensmittelindustrie angetan werden, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten toten Wirbellosen auf das Konto alltäglichen menschlichen Handelns gehen. Das reicht von der gezielten Tötung unliebsamer Insekten, Spinnen oder Schnecken – für die es kaum jemals andere Gründe als die der persönlichen Annehmlichkeit gibt – bis zum massenhaften Tod in Saftgläsern und Bierflaschen oder unter dem Schuh beziehungsweise an der Windschutzscheibe. Natürlich lässt es sich bei Insekten besonders schwer gewährleisten, keine Tiere zu töten – bekanntlich werden einige sogar im Schlaf verschluckt. Aber der Umstand, dass wir nicht alle retten können, ist ebenso wenig wie die große Zahl dieser Tiere ein moralischer Grund, die Frage, wo ein notwendiges Übel in fahrlässige Tötung übergeht, auszublenden.

Fazit

Insekten und andere Wirbellose sind bemerkenswerte Tiere, die wie alle Wirbeltiere auch ein grundsätzliches Recht auf Leben haben, da es keine plausiblen Gründe gibt, ihnen dieses abzusprechen. Im alltäglichen menschlichen Leben gestaltet sich der angemessene Umgang mit diesen Rechten möglicherweise schwieriger als alle Konsumentscheidungen, die wir zugunsten von Tieren treffen können. Gleichzeitig können wir, wenn wir uns diese Verantwortung einmal bewusst machen, mit zum Teil einfachen Mitteln auch hier dazu beitragen, dass weniger Tiere sterben müssen (siehe auch Tiertipps für Hinweise, wie verschiedene Insekten friedlich auf Abstand gehalten werden können).

1: z.B. R. W. Elwood, S. Barr, L. Patterson: Pain and stress in crustaceans? In: Applied Animal Behaviour Science. 2009, S. 128-136

2: Gottfried Adlerz, 1913 (Ameisen); Lena Grinsted et al., 2013 (Spinnen), Wiebke Schuett et al., 2011 (Blattläuse)

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