Fleisch

Demo vor der Fleischfabrik Tönnies

Demo vor der Fleischfabrik Tönnies

Die meisten Menschen verabscheuen es, wenn Tieren Leid angetan wird. Dennoch essen heute noch die meisten Menschen Fleisch. Ist das kein Widerspruch? Wenn wir anerkennen, dass jene, die wir als „Nutztiere“ klassifizieren, nicht minder schlaue, empfindsame und soziale Wesen sind als die uns einfach nur besser vertrauten „Haustiere“, wenn wir zu verstehen bereit sind, dass etwas nicht moralisch richtig ist, nur weil die Gesetze es erlauben und es „immer so gemacht wurde“, und wenn wir modernen Erkenntnissen der Wissenschaft folgend sehen, dass der Konsum von Tieren gesundheitlich nicht nur nicht nötig, sondern in vielen Belangen sogar schädlich ist, dann müssen wir uns fragen, was wir gegenüber den Tieren, die wir essen, vorbringen könnten, um ihre Qualen und ihren Tod zu rechtfertigen. Uns bleibt vielleicht die zweifelhafte Option zu hoffen, es sei den Tieren gut gegangen oder nach dem „artgerechten Fleisch“ zu suchen, das wir uns wünschen. Sonst bleibt uns nur die Option, das Leid im Moment des Kaufs und Essens zu verdrängen – oder wir wenden uns vom Konsum von Fleisch ab, wie es immer mehr Menschen aus guten Gründen tun.

Die Qual der Mast

Praktisch alle Tiere, die für die Fleischproduktion gezüchtet und gemästet werden, leben nur einen verschwindend geringen Bruchteil der Zeit ihrer natürlichen Lebenserwartung. Ein „Fleischrind“ lebt vielleicht 2 statt 30 Jahren, wenn es hoch kommt, ein Schwein ein halbes Jahr statt 15 Jahren, ein Huhn wenig mehr als einen Monat – statt 20 Jahren (1). Gemessen an ihrem möglichen Alter sind es also Kleinkinder, wenn auch im Körper ausgewachsener Tiere. Schauen wir uns das kurze Leben des Huhns genauer an, sehen wir ein Tier, das durch gezielte Zucht und Wachstumsbeschleuniger bereits in diesem ersten und letzten Monat seines Lebens mehr Fleisch im Brustbereich ansetzt, als es natürlicherweise ausbilden würde. Da die Knochen dieses Huhns nicht mit derselben Geschwindigkeit wachsen, kann es passieren, dass es sich nicht mehr bewegen kann, Nahrung und Wasser nicht mehr erreicht und verhungert, noch ehe es am Ende der fünften oder sechsten Lebenswoche geschlachtet würde. Dieses und anderes Leid wird als Begleiterscheinung der Turbomast in Kauf genommen. Anderes wird direkt verursacht, darunter das betäubungslose Abschneiden von Schwänzen und Schnäbeln, das Brandmarken oder die Enthornung. In der Schlachtung wird dieses Leid auf die Spitze getrieben, denn obwohl sie betäubt werden, sind Tiere oft noch oder wieder bei Bewusstsein, wenn sie verbrüht, aufgeschlitzt, gehäutet und zerlegt werden. Deshalb nach humanerer Schlachtung zu rufen, wäre genauso scheinheilig wie über Tiertransporte zu klagen, wo uns die Tiere ausnahmsweise fast begegnen, alles, was sie davor und danach erleiden, aber nicht hinterfragen zu wollen. Die Tötung ist und bleibt die maximale Grausamkeit, die einem Tier angetan werden kann.

Die Zahl der Toten

Die absolute Zahl der für Fleisch getöteten Tiere ist einerseits erschreckend hoch und erschreckt andererseits doch niemanden. Wir können solche Zahlen gar nicht verarbeiten und das Leid eines einzelnen Tieres scheint uns mehr zu betreffen als das von vielen Millionen. Wenn das Steak oder das Wurstbrot aber vor uns auf dem Tisch liegt, dann ist es ein konkretes Tier, das dafür leiden und sterben musste – ein Tier, das das Elend der Mastställe überlebt hat, bis zu dem frühen Punkt, wo Überleben nicht mehr vorgesehen war. Selbst wenn wir der Meinung wären, indem wir es essen, rechtfertigten wir sein trauriges Dasein und seinen Tod – gilt das dann auch für jene Tiere, die auf der Strecke blieben und nie zu Fleisch verarbeitet wurden? Mehr als 10 Prozent der Hühner überleben die Haltungsbedingungen nicht. Aber es wird auch gezielt aussortiert. Animal Rights Watch veröffentlichte 2014 eine Recherche, wonach in 8 von 10 Schweinezuchtbetrieben die Tötung unrentabler, schwacher oder kränklicher Ferkel durch Erschlagen mittels Kanten oder Betonboden dokumentiert werden konnte (2). Solche Misshandlungen sind zwar tatsächlich illegal – aber eben dennoch als traurige Wirklichkeit an der Tagesordnung.

Gutes Fleisch

Gewiss laufen das Leben und Sterben der Tiere nicht in allen Betrieben gleich ab – aber gibt es deshalb artgerechtes Fleisch? Alternative Haltungsformen schaffen oft nur andere Probleme. In der Boden- und Freilandhaltung von Hühnern etwa kommt der in der zurecht als tierquälerisch erkannten Käfighaltung nicht auftretende Kannibalismus durch den Stress, mit tausenden anderer Hühner gemeinsam eingepfercht zu sein hinzu. In Biohaltung sterben mehr Hühner als in konventioneller Haltung, weil die Behandlung mit Antibiotika entfällt. Für kleinere Betriebe gibt es oft Ausnahmeregelungen, beispielsweise was die Anbindehaltung von Kühen betrifft, sodass hier möglich wird, was in der Massentierhaltung untersagt ist. Gleichzeitig werden die vermeintlichen Versprechungen beispielsweise der Freilandhaltung oft nicht erfüllt, entweder weil schon eine Betonbucht mit Sonnenlicht als Freiland durchgeht oder weil die von den Vorschriften geforderte Fläche zwar vorhanden, aber nicht so gestaltet ist, dass die Tiere sie nutzen würden. Wollte man Tieren wirklich ein artgerechtes Leben bieten, würde man schnell an der begrenzten Verfügbarkeit von Weideflächen scheitern – oder aber daran, dass die Tiere, je länger sie leben, umso massiver zur Belastung und Zerstörung der Umwelt beitragen. Und am Ende bliebe das Problem, dass nichts (Art-)Gerechtes, Humanes oder Gütiges daran ist, ein unschuldiges Wesen vor der Zeit zu töten.

Fleisch, ein globales Problem

Die Tiere selbst sind nicht die letzten Leidtragenden der Fleischproduktion. Bereits 2010 stellte die FAO in einem Bericht fest, dass der Konsum tierischer Produkte dem Klima mehr schadet als der gesamte Verkehr und bezifferte den Beitrag an den weltweiten Treibhausgasemissionen auf 18% (3). Das World Watch Institute kam 2009 bei neuen Berechnungen auf ganze 51% (4). Allein fast die gesamte Vernichtung des Amazonasregenwaldes gehen auf das Konto der Tierhaltung: 70% der abgeholzten Flächen werden als Weiden verwendet und der Futtermittelanbau belegt einen Großteil der restlichen 30% (3). Darüber hinaus trägt der enorme Verbrauch von Getreide und Wasser elementar zur Welthungerkrise sowie zur sich verschärfenden Problematik der Wasserknappheit bei. Doch auch Menschen in Industrieländern, für die diese Probleme weit entfernt scheinen, sind längst zu Opfern geworden: Fleisch gilt heute als Mitverursacher für die meisten Zivilisationskrankheiten.

Fazit

Die Zucht und Tötung von Tieren für Fleisch ist mit unvergleichlichen gezielt verursachten oder vom System bedingten Qualen für diese Tiere verbunden. Auch vermeintliche alternative Formen der Tierhaltung vermögen das Versprechen von glücklichen Tieren nicht einzuhalten und schaffen oftmals erst neue Probleme. Um der Tiere, der Umwelt, der hungernden Menschen oder der eigenen Gesundheit willen sollte Fleisch aus dem Speiseplan verbannt werden. Eine vegane Ernährung belegt im Vergleich mit einer Durchschnittsernährung, einer optimierten Mischkost, einer mediterranen, vegetarischen, flexitarischen oder pescetarischen Ernährung in Sachen Nachhaltigkeit mit Abstand den besten und in Sachen Gesundheit ebenfalls einen Spitzenplatz (5).

Quellen:

1: Vegetarierbund Deutschland

2: Animal Rights Watch e.V. (http://www.ariwa.org/aktivitaeten/aufgedeckt/recherchearchiv/789-illegale-ferkeltoetung-in-deutschen-schweinezuchten.html)

3: FAO: Livestock’s long shadow – Environmental issues and options, 2006

4: WWI: Livestock and Climate Change, 2009 (http://www.worldwatch.org/files/pdf/Livestock%20and%20Climate%20Change.pdf)

5: van Dooren, Marinussen, Blonk, Aiking, Vellinga (2014): Exploring dietary guidelines based on ecological and nutritional values: A comparison of six dietary patterns, Food Policy Vol. 44, 36-46

© Bild auf der Übersichtsseite: soylent-network

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