Fisch

Fische„Würden Fische quieken wie Schweine, manch ein Fischer hätte seinen Beruf längst an den Nagel gehängt“, geben Fischer selber zu.(1) Fischen sprechen wir gern Attribute wie Schmerzempfinden oder Intelligenz ab. Trotzdem essen wir sie am liebsten in Form kleiner panierter Stäbchen, die nicht mehr erkennen lassen, dass es sich um ein Tier handelte. Die Meere sind längst überfischt, doch unser Hunger nach Fisch ist ungestillt. So genannte „Aquakulturen“ scheinen das Heilmittel für dieses Problem zu sein. Wir wollen der Frage auf den Grund gehen, ob es ihn gibt – den ethisch vertretbaren Fischkonsum.

Schmerzempfinden und Intelligenz

Einen Hund, den schlauen Freund des Menschen, würde hierzulande niemand essen wollen. Fische dagegen sind ja zum Glück ohne Intellekt – oder etwa nicht? 2008 erregte der Goldfisch „Comet“ großes Aufsehen, indem er vor laufender Kamera Kunststücke vollführte, wie wir sie sonst Hund beibringen.(2) Die Wissenschaft indes weiß von noch mehr Fähigkeiten der unterschätzten Tiere, auch im sozialen Bereich, zu berichten. Sie verwenden Hilfsmittel, legen komplexe Nester an, treffen individuelle Entscheidungen und haben ein bemerkenswertes Langzeitgedächtnis. Sie jagen gemeinsam mit anderen Fischarten, geben Wissen weiter, bilden komplexe soziale Netzwerke und konkurrieren um Sozialprestige.(3)

Auch die viel beschworene Schmerzfreiheit von Fischen ist nicht mehr als ein Vorurteil. Schon vor Jahren fand die Biologie anatomische und verhaltensbezogene Gemeinsamkeiten zwischen Fischen und Säugetieren, die darauf schließen lassen, dass Fische nicht nur Schmerzen, sondern auch Stress und Angst in ähnlicher Weise erleben.(4) Eine Reihe von Schmerzrezeptoren sitzt allein genau dort, wo sich der Angelhaken in den Fisch bohrt.(5)

Fischerei

Jeder einzelne gegessene Fisch bedeutet das grausame Ende eines fühlenden Lebewesens. Und bekanntermaßen sind es alles Andere als vereinzelte Fische, die sterben. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind die weltweiten Fischbestände bereits zu 80% erschöpft, überfischt oder zumindest bis an ihre Grenzen ausgenutzt.(6) Um überhaupt noch die gewünschten Mengen Fisch aus dem Meer zu holen, werden gewaltige Schleppnetze eingesetzt, welche den befischten Meeresboden zerstören und eine wüstenartige Tiefsee zurücklassen, wo artenreicher Lebensraum war. Auch das Bild der fischereigeprägten Nordseeküste ist längst nicht mehr maßgeblich für die deutsche Fischindustrie. Weder Hamburg, noch Bremerhaven oder Cuxhaven sind der größte Hafen der Fischerei. Vielmehr wird am Frankfurter Flughafen mehr Fisch umgeschlagen als in allen drei Häfen zusammen.(1) Und auch damit hat die Absurdität der Fischproduktion noch kein Ende.

Beifang

Fische der falschen Art oder solche, die nicht die gewünschte Mindestgröße haben, werden nach gesetzlicher Vorschrift wieder über Bord geworfen. Die meisten sind aufgrund von Verletzungen oder der langen Zeit an der Luft bereits zum Sterben verurteilt. Auch bei diesem so genannten „Beifang“ handelt es sich nicht um wenige Ausnahmen. Beim Dorsch-Fang sind etwa 50% der Fische „Discard“, das heißt Beifang, der von Bord geworfen wird. Versuche, diesen Beifang zu reduzieren, sind wenig erfolgreich. (1) Seine Ausmaße werden jedoch bei anderen Fischarten noch übertroffen. Ein Teller Sushi, der zusätzlich zum Gericht den Beifang enthalten sollte, müsste gar einen Durchmesser von anderthalb Metern aufweisen.(7) Zum Beifang gehören neben Fischen auch Schildkröten, Delfine, Robben und andere Meeresbewohner. Beifang, der nicht zurückgeworfen werden muss, wird oftmals lebend verkocht und endet als Fischmehl, das der Lebensmittel- oder Tierfutterindustrie zugeführt wird.

„Aquakulturen“ (Fischzucht)

Die überfischten Meere drohen die Sättigung des Marktes nicht mehr gewährleisten zu können. Die neue Lösung dafür heißt „Aquakultur“. Fische, vor allem Lachse, aber zunehmend auch ein Spektrum an anderen, oft bedrohten Fischen, werden hier in Unterwassermassentierhaltung gezüchtet und gemästet. An der Küste Norwegens werden beispielsweise in Käfigen mit 120 Meter Durchmesser je etwa 15.000 Lachse gemästet. Eine Anlage fasst 800.000 bis 900.000 Tiere. Mehr als ein Drittel der Fischprodukte stammt mittlerweile aus solchen Produktionsanlagen.(1)

In wie weit die „Aquakultur“ die Ozeane schonen soll, muss als fraglich gelten, denn als Nahrung für die gezüchteten Fische halten Fische aus dem Fischfang her: Für ein Kilogramm Zuchtlachs werden fünf Kilo Fisch aus dem Meer verfüttert.(1) Bei Thunfisch sind es 20 Kilo pro produziertem Kilogramm Thunfisch.(8)

Bei dieser Art hat die Fischindustrie zudem das Problem, dass sich Thunfische in Gefangenschaft nicht vermehren, weshalb sie Jungtiere einfangen und ein halbes Jahr mästen lässt. Mehrere hunderttausend Jungtiere werden so jährlich aus dem Mittelmeer in die Küstenanlagen gebracht. Umweltschutzorganisationen nehmen an, dass es bereits in weniger als fünf Jahren keinen Thunfisch mehr im Mittelmeer geben wird.

Die Fischindustrie plant indes die Zucht selbst auf Krabben, Muscheln, Seeigel und viele weitere auszudehnen und die Anlagen mit Antrieb kontrolliert durch den Ozean treiben zu lassen.(1)

Fazit

Fisch ist weder eine unersetzbare Nährstoffquelle (viele Öle, Walnüsse etc. enthalten Omega-3) noch ein Lieferant unnachahmbarer Geschmackserlebnisse. Schon gar nicht ist er ein gefühlloses Stäbchen. „Fisch“ ist das Fleisch eines Tieres, dem kognitive und emotionale Fähigkeiten zu Unrecht abgesprochen werden. Die Fischindustrie zerstört ohne jede Rücksicht die Leben von Fischen und Meeressäugern (Beifang), sowie den Lebensraum Ozean. Die Überfischung der Meere und die Zerstörung von Mangrovenwäldern für „Aquakulturen“ setzen gleichzeitig dem Klima zu. Die Fischindustrie ist nicht nur der Fleischindustrie in allen Aspekten ähnlich, sie ist ein Teil von ihr, der einen anderen Lebensraum ausbeutet.

Quellen:

1: Film „Ware Tier. Teil 3: Auf der Suche nach dem frischen Fisch”

2: Beispiele für die Kunststücke: http://www.youtube.com/watch?v=oRcNqNvQZ9U, Zugriff: 9.9.12

3: Jonathan Foer, „Tiere essen“, 2010, S. 73

4: Chandroo K. P., Duncan I. J. H., Moccia R. D., 2004. Can fish suffer?: perspectives on sentience, pain, fear and stress. Applied animal behaviour science 86 (2004) S. 225–250.

5: „Neuronengeflüster im Endhirn“ in: Der Spiegel, 5.3.2011

6: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO): The state of world fisheries and aquaculture 2008

7: Jonathan Foer, „Tiere essen“, 2010, S. 61

8: http://www.greenpeace.org/switzerland/de/Kampagnen/Meer/Fischerei/Thunfischmast/

© Bild auf der Übersichtsseite: Animal Equality

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